Portugal! Ich liebe dich!

Mehrere Wochen in Deutschland liegen hinter mir: Mal-Workshops in Bonn und Bad Reichenhall, gemütliche Stunden auf meinem Sofa ohne schlechtes Gewissen, ein Geburtstag mit fremden, malenden Menschen in Bayern und viel Kälte und Schnee.

 

Wieder einmal sitze ich nun im Morgengrauen noch müde am Gate A 38. Sicherlich ist dieser Flugsteig bewusst so weit entfernt gewählt, damit der Portugalreisende oder aber der Portugiese weiß was Anstrengung heißt. Im Zeitaltern der Troika muss man sogar bei der Einreise in das Land Einsatz zeigen. Es muss einen erzieherischen Grund geben, warum das Einsteigen am noch leeren Flughafen am fast letzten Gate erfolgt. Immerhin ist der Passagier nach dem Frühsport fit und etwas wacher.

 

Hellwach sind meine Mitreisenden. Überengagiert studieren sie die Sitzplatznummerierungen und schlussfolgern blitzgescheit und für mich viel zu laut, dass nach A B folgt, nach B C, nach D E und nach E F. Schwerfällig verstauen sie ihr Gepäck und diskutieren die Platzwahl. Sie tragen einheitliche Kappen und sportliche, tarngrüne oder dunkelblaue Westen mit vielen Taschen für Dies und Das. Aus den Brusttaschen der hellblauen oder dezent karierten Hemden lugen Bordkarten hervor. Meine Mitreisenden sind ältere Herren und ohne Anstrengung weiß ich schon bald, dass es sich um eine Radfahrgruppe handelt, die auf dem Weg zur Algarve ist.

 

Die Stewardess bittet um Hilfe, da ein Koffer das Gepäckfach versperrt. Der Kofferbesitzer mit Kappe und Weste gibt sich nicht zu erkennen. Er tut so als ob er nichts versteht und erst als ihn seine Neben-, Vor- und Hintermänner in den verschiedensten Sprachen ermahnen, verleugnet er seinen Koffer nicht mehr, schnallt sich unwirsch wieder ab und erklärt, dass die Maße seines Gepäckstücks den vorgeschriebenen Bestimmungen entsprechen. Immerhin wird er so rot wie seine Kappe, als er unter den Augen der Umsitzenden seinen Standardmaßkoffer schnaufend und stöhnend herumwuchtet.

 

Währenddessen beschwer sich eine ältere Rothaarige mit modischer Riesenbrille bei ihrem Sitznachbarn, dass ihr Sitz nicht angewärmt sei. Innerlich stöhne ich auf und frage mich, ob das die Anmache des Alters ist. Der galante Nachbar verspricht nun, dass er den Sitz 18A im nächsten Jahr anwärmen wird. Ich folgere nun auch blitzgescheit, dass diese Gruppe jährlich startet. Soll ich mich freuen, dass mein Sabbatical in fünf Monaten endet?

 

Aufblasbare Nackenkissen werden vorbereitet und deren Nutzen betont. Berichte über Roamingkosten und günstige Handytarife im immer näher rückenden Portugal schallen durch das Flugzeug. Highlights aus dem Reiseführer - schwer verständlich, in Schwäbisch vorgetragen - weisen auf die Heimat und die Ziele der Wegbegleiter hin.

 

Das Zischen der herausgelassenen Luft zeigt dem Nackenkissen, dass die Landung bevorsteht. Der Aufschrei einer Reisenden in Sommerkleid und Sandalen, als der Pilot die zu erwartende Außentemperatur nennt, weist darauf hin, dass sie ihren Koffer falsch bestückt hat. Ein einsamer Landungsklatscher gibt zu erkennen, dass er froh ist wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und dass er sonst Charterflieger und Pauschalreisender ist. Der Hinweis eines Schwabens mit Kappe, Weste und Schnauzbart, dass das Aussteigen so lange dauere, weil man ja nun in Portugal sei, lässt mich mich mit meiner Wahlheimat solidarisieren.

 

Portugal, ich liebe dich und deine Langsamkeit! Wie schön, dass ich in deiner Sprache nicht alles verstehen kann.

 

 

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