Ziemlich beste Freunde - Amigos Improváveis

Kultur spielt auf der kleinen Insel eine Rolle. Wenn man den Experten zuhört, schwingt ein Bedauern in der Stimme mit: Bedauern darüber, dass die Kulturförderung nachgelassen habe, Bedauern darüber, dass die kulturellen Angebote so wenig genutzt werden und die Bitte, Frau Merkel zu berichten wie sinnvoll die EU-Förderung eingesetzt werde.

 

Ihr könnte man mitteilen wie schön, dass Teatro Faialense ist. Ein Theater, das für Konzerte, Schauspiele, aber auch für Kinovorführungen genutzt wird. Es ist wirklich wunderschön, frisch renoviert und bei Veranstaltungen überwiegend leer. In dem gemütliche Saal mit drei Logenetagen, die wie kleine Balkone aussehen, treffen hauptsächlich kulturell interessierte Zugereiste ein. Vor den Vorstellungen ist eine englisch-deutsch-portugiesische Wiedersehensfreude zu vernehmen. Ein kleiner Kreis Kulturfreaks trifft zusammen. Vielleicht mag es auch an der Uhrzeit liegen, denn die Veranstaltungen beginnen erst um 21.30 Uhr.

 

Ich verabrede mich mit meiner portugiesischen Freundin. Sie ist vom Festland, aus Porto, also auch zugereist und begleitet mich gerne bei diesen Terminen. Wir nutzen zunächst ein gemeinsames Abendessen für das Aufmöbeln meiner Portugiesischkenntnisse. Sie zeigt sich verwundert, dass ich mir einen portugiesischen Kinofilm zutraue. Doch ich lehne mich entspannt zurück und erläutere ihr, dass ich "Ziemlich beste Freunde" bereits gesehen habe, da wird "Amigos Improváveis" kein Problema sein.

 

Ich könnte nun auch auftrumpfen, dass ich überaus redegewandt bin und Erfahrungen mit vielerlei Sprachen gesammelt habe, aber ich hülle mich in Bescheidenheit und Demut, da sie selbst am besten weiß welch großes Sprachtalent ich bin.

Neun Jahre Englischunterricht, ein großes Latinum, mehr als drei Jahre Französisch, ein abgebrochener Schnupperkurs an der Uni in Türkisch und ein abgebrochener Volkshochschulkurs in Italienisch - dieser enorme Zeitaufwand für Sprachen ist eher peinlich, wenn man bedenkt, was davon übrig geblieben ist.

Okay, auf Englisch schlage ich mich ganz tapfer, wenn ich nicht gerade an schnell sprechende Native Speaker gerate. Latein war eine tolle Grundlage für die deutsche Grammatik. Ein Diskussionspunkt seit Schulzeiten, den ich mit meinem Mann und Klassenkamerad führe, ist ein Satz auf der ersten Seite des ersten Lateinbuches. Ich behaupte er hieß " Populus est rusticus" - "Das Volk ist ein Bauer". Er glaubt mir nicht. Ist aber nicht so wichtig. Ebenso unwichtig wie mein Lieblingssatz aus dem Französichunterricht, der sich durch Europa und offene Grenzen überlebt hat. "Avez-vous quelque chose à déclarer?" - "Haben Sie etwas zu verzollen?" Und ob ich mit meinem italienischen Glanzsatz wirklich jemals im Rampenlicht glänzen kann, ist überaus fraglich: "Sono qui per la Biennale!" - "Ich bin hier für die Filmfestspiele!"

Neben diesen emsig angeeigneten Fremdsprachenkenntnissen kann ich einen Schwager vorweisen, der mit einer Französin verheiratet ist, eine Nichte, die Dolmetscherin wird, einen Sohn, der in England lebt und in meinen Ohren zu diesen besagten schnell sprechenden Native Speakern gehört, einen belgischen Stiefvater, einen Sohn mit halbfranzösischer Freundin, Ur-Großeltern, die in der Nähe der französischen Grenze wohnten und einen Ehemann, der viel reisen muss.

 

Mit diesen Voraussetzungen kann ich unerschrocken den Filmbeginn erwarten. Ganz ohne Werbung beginnt das Kinospektakel. Es trifft mich quasi unvorbereitet und sofort und wirklich spektakulär. Was für ein toller Film, so amüsant und witzig! Ich lache an Stellen, die ich im deutschen Kino wohl überhört habe. Beim zweiten Mal nimmt man andere Nuancen wahr. Vielleicht sollte ich mir Filme immer mindestens zweimal ansehen. Es stört mich nicht, dass ich phasenweise als einzige im Kino lache. Ich amüsiere mich über den Film, aber noch mehr über die Situation und natürlich MICH.

Portugiesische Kinofilme sind nicht synchronisiert. Ich sitze in einer französischen Komödie mit portugiesischen Untertiteln. Diese werden so schnell eingeblendet, dass die lese-rechtschreibschwache Portugiesischschülerin das Ende eines Satzes nie erreicht. Mein Portugiesisch ist noch zu schlecht und mein Französisch vergessen. Eine Koordination von beidem gelingt mir nicht. Dennoch ist es eine perfekte Kinonacht. Ich freue mich über die herausragenden schauspielerischen Fähigkeiten der beiden Protagonisten, über jedes portugiesische Wort, das ich lesen kann und jedes französische, das ich schon irgendwann mal gehört habe. Außerdem freue ich mich schon riesig auf diesen Blogbeitrag.

 

Dieses arme Land! Gebeutelt von der Wirtschaftskrise und noch nicht einmal muttersprachlichen Kinoausgleich. Meine Begleiterin berichtet mir, dass portugiesische Kinofilme immer mit Untertitel sind und nur Kinderfilme synchronisiert werden. Dies deckt sich mit meiner dann folgenden mitternächtlichen Recherche.

Armes Portugal! Vielleicht sollte ich Frau Merkel fragen, ob wir da was tun können, wenn ich ihr vom Teatro Faialense berichte.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Bernhard Schaub (Mittwoch, 27 Januar 2016 10:35)

    ja, es ist wirklich sehr sehr schade.
    Ich war jetzt 4 Wochen in Brasilien, aber diesen Film scheint es nicht synchronisiert zu geben.
    Eine Schande eigentlich!

    LG Bernhard