Nahverkehr 20 Cent

Nun schaue ich seit über acht Wochen auf den höchsten Berg Portugals, Pico.

Er befindet sich auf der gleichnamigen Insel und bietet mir jeden Tag vielfältige Ansichten. Mal ist er im Nebel und man kann ihn nur erahnen, dann wieder ist er frei und wird lediglich von wenigen kleinen Wölkchen umschwärmt. Ein anderes Mal sieht es aus als ob die Kraterspitze abgebrochen sei, weil diese in den Wolken verschwunden ist. Wenn Pico Chapeaus hat, gibt dies Hinweis auf schlechtes Wetter.

 

Ein atemberaubender Blick! Doch auch eine hessische Lehrerin braucht zuweilen Abwechslung. Die Stadt Madalena auf Pico selbst hatte ich bei einem abendlichen Ausflug per Fähre bereits ergründet und meine Nachbarinsel mit Wein begrüßt. Pico-Wein ist nun nicht nur auf den Azoren, sondern nun auch bei mir bekannt, sodass ich auf der Fähre vergaß, dass ich eigentlich seekrank werden musste.

 

Diesmal soll es kein Abendtripp, sondern eine längere Reise werden. Terceira ist mein Ziel. Die Hauptstadt Angra do Heroísmo ist die älteste Stadt der Azoren. Sie hat eine große Kathedrale und ist UNESCO Weltkulturerbe.

Um die lange Schiffspassage zu vermeiden, entscheide ich mich für einen Flug mit SATA. Fliegen auf den Azoren ist so üblich wie Busfahren bei uns. Einchecken, Start, 20 Minuten Flug, Landung, das war's.

 

Die nette Dotty von Quinta da Dotty in Angra holt mich am Flughafen ab. In meinem neuen   winzigen Häuschen fühle ich mich gleich wohl und begebe mich auf Erkundung - gestärkt von Dottys Frühstück mit hausgemachter Marmelade und selbst gebackenem Brot und eigentlich auch von ihrer erfrischenden Energie.

Angra ist ein traumhaftes Renaissance-Städtchen, klein und fein und herausgeputzt. In jedem Winkel ergeben sich Fotomotive. Ich kann mich kaum satt sehen und fühle mich wie in Rom in klein. Wenn die Beine anzeigen, dass eine Pause angebracht ist, stelle ich mich an eine der vielen Bushaltestellen und fahre für 20 Cent quer durch die Stadt in meine Quinta zurück.

 

An einem Morgen ist es bedeckt, sodass ich den Monte Brasil, den 205 m hohen Hausberg erklimmen kann. Er ist einer der vielen Kraterhügel auf den Azoren. Der Anstieg ist gemütlich und für ein Mädchen aus dem Sauerland, das immer dann wandern musste, wenn Gleichaltrige Daktari und Lassie guckten, kein Problem. Die Ausblicke sind ganz schön, doch wer seit mehr als acht Wochen auf das Meer und Pico starrt, ist ziemlich verwöhnt. Andere Wanderer scheint es an diesem Tag hier nicht zu geben.

 

Da die hessische Lehrerin Abwechslung sucht, beschließe ich eine andere Route für den Rückweg nach Angra zu wählen. Gelb-rote Balken weisen mir den Weg. Ich weiß zwar nicht wo sie hinführen, aber es wird schon richtig sein. Von meiner Jugend in den tiefen Wäldern waren mir solche wegweisenden Hilfen durch den SGV Lüdenscheid (Sauerländischer Gebirgsverein Abteilung Lüdenscheid) bekannt. Zielsicher folge ich den Wegweisern und erreiche eine Ruine unmittelbar über dem Meer. Der Reiseführer verrät mir später, dass es sich um einen Walausguck handelt. Das ist eindeutig nicht mein Ziel gewesen! Ich trete den Rückzug an ohne den Ausblick genießen zu wollen, denn dummerweise habe ich an Höhe verloren und muss nun wieder einmal bergauf japsen.

 

Ich stelle mir vor, was passiert, wenn mir in diesem unwegsamen, einsamen Gelände etwas zustößt. Soll man als Single überhaupt wandern? Ist das nicht viel zu gefährlich? Vielleicht soll ich eine Broschüre mit Verhaltenstipps für Alleinreisende entwerfen?

 

Der Weg erweist sich als endlos. Ich muss den ganzen Kraterkegel umrunden. Dieser wird im Sommer zuweilen als natürliche Stierkampfarena benutzt. Hier kämpft aber heute nur ein Stier, und zwar gegen Hunger und Durst und Nullbock. Der Reiseführer hatte mich auf eine zweieinhalbstündige Wanderung vorbereitet, sodass ich auf Proviant, Karte, Kompass und Fernglas verzichtet hatte. So ein Pech! Nach gefühlten Stunden höre ich ein Auto und erreiche eine befestigte Straße. Es erscheint mir als ob nur hessische Lehrerinnen, gebürtig im Sauerland, diesen Monte Brasil zu Fuß erobern. Unzählige Autos mit mitleidig schauenden Insassen hatten mich am Anfang meiner Wanderung überholt.

 

Das Ziel kommt nun näher, die Singlebroschüre ist vergessen und das Restaurant vom Vorabend, in dem es so lecker war, lockt mit seinem Mittagsangebot.

Da stellt sich mir eine ältere Dame mit geschnitztem Wanderstock in den Weg. Sie erklärt mir wortreich wie schön der Berg sei, eine Wanderung hinauf würde sich lohnen. Ich bestätige dies eher verzagt und verweise darauf, dass ich kein Portugiesisch spreche.

 

Jetzt tritt das ein, was ich schon häufig feststellen konnte. Der Hinweis: Não falo português! führt dazu, dass besonders viel Portugiesisch mit mir gesprochen wird.

Nicht zu glauben! Ich habe eine Olympiateilnehmerin vor mir. Die Sportart habe ich nicht verstanden, irgendwas mit Laufen. Sie liebt München, sie liebt die Berge, sie liebt das Bier! Irgendeine Anna Katharina liebt die Insel Terceira. Und, und, und! Dies alles wird gestenreich unterstrichen, zum Teil wie ein kleines Theaterstück präsentiert, denn naõ falo português.

Wir verabschieden uns wie alte Freundinnen und sie bekräftigt wie glücklich sie sei eine Deutsche getroffen zu haben. Eigentlich war es nicht schlimm, dass ich naõ falo português, denn ich musste auch gar nichts sagen. Ein bisschen stolz bin ich schon, nicht nur wegen der Begegnung mit einer Olympiateilnehmerin, sondern weil ich so viel verstanden habe. Sie hatte übrigens damals in München eine Medaille für den vierten Platz gewonnen.

 

Nach dieser kurzweiligen Unterbrechung erreiche ich den ersehnten Mittagstisch und finde danach zum Glück noch 20 Cent für die Busfahrt in meiner müden Tasche.

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Kommentare: 2
  • #1

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